|
"Es soll Wind gegeben haben,
und diese Versicherung scheint glaubhaft, wenn festgehalten wird, daß die Röcke,
nämlich die unteren äußeren Kleidungsstücke der Weibspersonen, in Bewegung
gerieten [. . .]. Es muß außerdem geregnet haben, wenn als richtig
angenommen wird, daß auch die Blusen der zwei in Frage kommenden Frauenzimmer
geradezu am Leibe klebten [. . .]." So beginnt Albert Drachs Buch
Untersuchung an Mädeln, und mit diesen Worten des Erzählers aus dem Off (Harry
Rowohlt) beginnt auch Peter Payers Spielfilmdebüt.
Die 70er Jahre, irgendwo in der österreichischen Provinz. Im strömenden Regen
werden die beiden Autostopperinnen Stella Blumauer (Anna Thalbach) und Esmeralda
Nemetz (Elke Winkens) vom Viehhändler Josef Trummer mitgenommen und
vergewaltigt. Trummer bleibt danach verschwunden. Die beiden "Mädeln"
werden verhaftet und beschuldigt, Trummer ermordet und beraubt zu haben.
Allerdings fehlt von der Leiche jede Spur. Und noch während die Polizei
ermittelt, beginnt Untersuchungsrichter Meixner (Otto Sander) mit den
gerichtlichen Vorerhebungen. Meixner, Verfasser des obskuren Werkes
"Geschlecht und Verbrechen", ist der festen Überzeugung, Frauen
eigneten sich nicht für wohlgeplante Verbrechen, dennoch gelingt es ihm nicht,
ein Geständnis zu erhalten. So wird allen Beteiligten bald klar, daß die
Angelegenheit auf einen Indizienprozeß hinauslaufen muß. Die Vergangenheit der
beiden "Mädeln" soll dabei zum Trumpf der Ermittlungsbehörden
werden.
In Rückblenden enthüllt sich bruchstückhaft das Vorleben der beiden jungen
Frauen als "unsentimentale Erziehung" in Sachen Sexualität und
Geschlechterrollen: Schon auf der ersten gemeinsamen Urlaubsreise wird die
Klosterschülerin Stella von ihrem Freund betrogen. Und Esmeralda lernt von
ihrem Vater, einem Schneider, die Zusammenhänge von Sex und Ökonomie kennen, während
ihr der Dorfpfarrer seine eigenwillige Definition von Nächstenliebe angedeihen
läßt. Erst in der Beziehung zu Harald Poppinger (Max Tidof) - Ex-Matrose,
Frauenschwarm und enfant terrible des Dorfes - scheinen die beiden inzwischen
eng miteinander befreundeten Frauen so etwas wie Geborgenheit zu finden. Natürlich
stößt diese ménage à trois auf Unverständnis und Ablehnung innerhalb der
Dorfgemeinschaft. Aber auch der Versicherungskaufmann Kuno Fichtinger nimmt
Anstoß am Verhältnis der drei: Er macht sich selbst Hoffnungen auf Stella,
zumal er nach dem Unfalltod ihrer Eltern die Versicherungsangelegenheiten günstig
für sie geregelt hatte.
So gehört Poppinger zu den wenigen, die an die Unschuld der beiden glauben.
Gemeinsam mit dem Anwalt Anbichler stellt er Nachforschungen an und findet
heraus, daß der spurlos verschwundene Viehhändler Trummer Schulden hatte.
Obwohl Trummers Frau die Vorwürfe, ihr Mann hätte die erstbeste Gelegenheit
genützt, sich aus dem Staub zu machen, entrüstet von sich weist, muß sie
feststellen, daß Trummers Paß fehlt. Anwalt Anbichler vereinbart einen Termin
mit Untersuchungsrichter Meixner. Doch Meixner hat sich, im Anschluß an einen für
ihn verwirrenden Lokalaugenschein mit Esmeralda, nach einem nächtlichen "Prozeß
gegen sich selbst" eine Kugel in den Kopf gejagt. Meixners Nachfolgerin eröffnet
Anbichler triumphierend, man hätte die "Tatwaffe" gefunden, der Prozeß
könne beginnen . . .
In den sorgfältig rekonstruierten Dekors und Kostümen der 70er Jahre
entwickeln Regisseur Peter Payer und Drehbuchautor Wolfgang Bayer eine
"Geschichte der doppelten Wahrnehmung": Fast insistierend fährt die
Kamera an den Beinen der beiden Mädchen hoch, schaut ihnen unter die Röcke
oder in den Ausschnitt und übernimmt den männlichen Blick einer
frauenverachtenden Gesellschaft. Diese begehrlichen und aggressiven Blicke
prallen an den beiden Frauen ab und verkehren sich ins Gegenteil. Zum Vorschein
kommen zwei verletzliche Menschen, deren einziges "Verbrechen" darin
besteht, ihre Weiblichkeit selbstbewußt und absichtslos nach außen zu tragen.
In Anna Thalbach und Elke Winkens hat der Film zwei souveräne Darstellerinnen,
die durch ihre Leinwandpräsenz diese "Blickumkehrung" nachvollziehbar
machen.
"Wir wollten die Geschichte ohne modischen Touch erzählen, damit sie ihre
absolute Gültigkeit behält. Trotzdem wollten wir dem Anspruch des Romans
gerecht bleiben, also haben wir die Geschichte in den 70er Jahren angesiedelt,
um eine heute noch gültige Ästhetik zu finden. In der visuellen Umsetzung sind
wir aber sehr geradlinig geblieben - es ging vor allem darum, das Subjektive der
Unterstellungen zu unterstützen, die diesen Mädeln angelastet werden, und in
dem Punkt spricht das Buch ohnehin für sich selbst." (Peter Payer)
ZURÜCK
ZU "UNTERSUCHUNG AN MÄDELN" [...]
|