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"MA 2412 - DIE STAATSDIENER" INTERVIEW
mit Alfred Dorfer, Roland Düringer, Monica Weinzettl von Peter Krobath

 

Peter Krobath: Mit dem Projekt MA 2412 – DIE STAATSDIENER wird eure erfolgreiche TV-Sitcom MA 2412 als Kinofilm weitergeführt. Wie darf man sich das vorstellen?

Roland Düringer: Das ist genau die Frage, die wir uns auch gestellt haben: Wie geht das? Die Leute kennen das Thema MA 2412, gewisse Dinge haben sie sehr gern in dieser Serie, allerdings gehen sie sicher nicht ins Kino, um dasselbe zu sehen, was sie schon im Fernsehen gesehen haben. Wir haben nachgedacht, wie man dieses Problem lösen kann: Dass der Film eben all das enthält, was die Leute gern haben, dass sie aber trotzdem etwas Neues dabei erfahren.

Harald Sicheritz: Natürlich sollte der Film auch all das enthalten, was wir selbst an der Serie gern haben. Das war auch eine Überlegung.

Alfred Dorfer: Man kann davon ausgehen, dass die Figuren bekannt sind und gleich bleiben werden, auch ihr Arbeitsumfeld bleibt gleich, es geht um Beamtenschaft. Darüber hinaus war es uns sehr wichtig, dass nie der Eindruck entstehen sollte, dass es sich bei MA 2412 – DIE STAATSDIENER nur um eine aufgeblasene Fernsehfolge handelt, sondern dass das eben ein Kinofilm ist.

Wodurch unterscheidet sich der Kinofilm von der Fernsehserie?

Roland Düringer: MA 2412 – DIE STAATSDIENER zeigt die Geschichte vor der Fernsehserie, Episode Eins sozusagen. Erst im letzten Drittel des Films beginnt für Weber und Breitfuß die Arbeit bei der MA 2412. Es wird erzählt, wie sie sich getroffen haben, wo sie sich das erste Mal gesehen haben, warum es eine Frau Knackal gibt in diesem Amt, wie der Weihnachtsmann dazukam – all diese Dinge, die sich die Menschen vielleicht längst gefragt haben, erfahren sie jetzt.

Monica Weinzettl: Wir gehen ganz zum Anfang. Aber dass man die Figuren quasi mit der Brechstange wieder interessant machen muss, weil die Leute eh schon alles kennen, das war sicher nicht das Thema.

Harald Sicheritz: Der Reiz war, dass die Figuren eben nicht verändert wurden, sondern dass sie genau die sind, die sie schon immer waren. Das zieht sich durch die historischen Sequenzen genauso wie durch die Zukunftsvisionen.

Ein Kinofilm hat einen ganz anderen Rhythmus als eine Fernsehserie. Es kann ja nicht so sein, dass man drei mal 30 Minuten zusammenhängt und man kommt auf 90 Minuten.

Harald Sicheritz: Das kann es natürlich nicht sein und das ist es auch nicht. Ich würde sagen, der Film lehnt sich an den Stil einer opulenten Dokumentation an.

Roland Düringer: MA 2412 – DIE STAATSDIENER ist eine Spieldoku über das Entstehen dieser besonderen Magistratsabteilung. Gehen wir davon aus, es gibt eine Doku-Reihe, die verschiedenste Berufe beschreibt. Und eine Folge davon beschreibt eben Beamte. Die Macher dieser Dokumentation suchen sich Staatsdiener, die für ihren Film Rede und Antwort stehen. So kommen sie zufällig zu uns. Gleich die erste Frage an Weber und Breitfuß lautet: ”Wissen Sie, wer der erste Beamte war?” Aber anstatt diese und andere Fragen allgemein zu beantworten, nehmen die beiden das persönlich und quatschen nur über sich oder die MA 2412. Die Dokumentarfilmer finden das so witzig, dass sie sich sagen: ”Okay, wir bleiben trotzdem drauf und schauen uns das an.” Und dazwischen sind immer historische Szenen eingeblendet, die für die Dokumentation sowieso geplant gewesen wären. Man sieht Beamte bei Maria Theresia, die Zeit der Entnazifizierung kommt zur Sprache, im alten Rom hat es schon Beamte gegeben – das sind so die Elemente der Dokumentation, während wir als Figuren die Geschichte der MA 2412 erzählen.

Eine Geschichte, die bis in die Beamtenburgen der EU führt ...

Roland Düringer: Ich habe einmal eine Dokumentation gesehen, da haben irgendwelche Russen ein Mammut im Eis ausgegraben. Damals kam die Frage auf, was wäre, wenn man aus diesem tiefgefrorenen Mammut ein neues klonen könnte? Diese Idee haben wir weitergesponnen. Was passiert, wenn wir eben nicht in der Jetztzeit aufhören, sondern irgendwann kommen unsere Beamten von der MA 2412 zur EU, unsere Mammuts sozusagen.

Wie kommt die Frau Knackal in den Film?

Monica Weinzettl: Die Frau Knackal hat in einem Supermarkt in der Wurstabteilung gearbeitet, wo der Herr Senatsrat regelmäßig eingekauft hat. So haben sich die beiden kennengelernt. Und um diese Dame mehr in seiner Nähe zu haben, hat er die Magistratsabteilung 2412 gegründet. Damit er dieses Verhältnis nicht so umständlich über die Wurstabteilung nehmen muss.

Alfred Dorfer: Gut gesagt.

Roland Düringer: Eine Station hast du ausgelassen. Der Herr Senatsrat hat sich die Frau Knackal zuerst in das Amt gesetzt, wo er und wir alle auch tätig waren, nämlich ins Verkehrsamt. Aber das wurde ihm bald zu gefährlich, vor allem weil ihm seine Frau auf die Schliche gekommen ist. Also gründet er die MA 2412 – und zwar nur zu dem Zweck, um sein Verhältnis mit der Frau Knackal möglichst unauffällig weiterführen zu können. Das ist eine reine Sinnlosabteilung, aber Breitfuß und Weber wissen das natürlich nicht.

Erfährt man im Film mehr über das Privatleben der Figuren?

Alfred Dorfer: Nicht wirklich. Ursprünglich wollten wir das schon relativ breitwalzen. Aber wir sind davon abgekommen, weil das zu sehr ausgeufert wäre. Man sieht zwar schon ein bisschen was, zum Beispiel verbringen wir den Weihnachtsabend mit den herren Breitfuß und Weber, aber wirklich Wesentliches – zum Beispiel über Freundeskreis oder solche Sachen – erfährt man nicht.

Harald Sicheritz: Ich würde das auch relativ unerotisch finden. Weil, gerade wenn man Figuren kennt und liebt, hat man ohnehin schon seine eigenen Hintergrundstories im Kopf. Mir ist das mit Comics immer so gegangen. Ich habe mir alle möglichen Sachen zu den Comicshelden ausgedacht und wäre dann eigentlich enttäuscht gewesen, wenn mir jemand gezeigt hätte: So leben deine Helden und nicht anders.

Roland Düringer: Es gibt Dinge, die zeigt man nicht. Ein echter Columbo-Fan wäre auch bitter enttäuscht, wenn man auf einmal die Frau Columbo sehen würde.

Die Frau Breitfuß taucht also nicht auf.

Roland Düringer: Nein, aber man hört sie am Heiligen Abend aus der Küche mit Herrn Breitfuß schimpfen.

Warum wolltet ihr eine so erfolgreiche Fernsehserie als Kinofilm weiterführen?

Roland Düringer: Ein Kinofilm bietet einfach mehr Möglichkeiten. Wenn du deine 25 Minuten-Folgen im Fernsehstudio machst, bist du auf deine paar Wuchteln und Situationskomik begrenzt, aber wirklich austoben kannst du dich nicht. Ich glaube, das haben wir ganz gut gelöst. Der Film ist vor allem optisch eine Wucht, da werden einige ganz schön schauen.

Harald Sicheritz: Man kann seine eigenen Fantasien ganz anders ausleben. In diesem Sinne habe ich mit große Freude beobachtet, wie das Drehbuch mehr und mehr zu einer Art Wunschzettel von uns allen geworden ist. Da standen lauter Dinge drauf, die wir im Fernsehen einfach nicht machen konnten.

Welche Szenen aus MA 2412 – Die Staatsdiener wären im Fernsehen nicht möglich gewesen?

Roland Düringer: Eigentlich wäre bis auf die fiktiven Interviews keine einzige Szene in dieser Form im Fernsehen möglich gewesen.

Alfred Dorfer: Das stimmt sicher. Aber um ein Beispiel zu nennen: Schon die Szene zu Beginn des Films, wo wir uns in der Urzeit befinden, wäre im Fernsehen nicht möglich.

Harald Sicheritz: Und wenn, dann würde es so ausschauen, wie so etwas in der Dekoration einer TV-Sitcom eben ausschaut.

Roland Düringer: Aber bei uns schaut es echt aus wie in der Urzeit. Da stimmt alles.

Nimmt man mit so einem Kinofilm nicht auch ein beträchtliches Risiko auf sich?

Harald Sicheritz: Wir waren immer schon notorisch mutig.

Roland Düringer: Außerdem kann man den Erfolg der Fernsehserie vor allem als eine gute Werbung sehen.

Die Österreicher scheinen MA 2412 heiß und inbrünstig zu lieben. Welchen Nerv habt ihr da getroffen?

Alfred Dorfer: Grundsätzlich geht es wohl darum, dass wir in MA 2412 eine Sprache haben, die man in Österreich versteht. All die synchronisierten Sitcoms, die wir sonst im Fernsehen hören, das hat mit uns eigentlich relativ wenig zu tun. Es ist zwar lustig, aber es ist doch ein Fremdkörper. Und das hat den Nerv getroffen, da geht es jetzt gar nicht primär darum, dass das Beamte sind.

Roland Düringer: Es war nie der Ansatz der Geschichte, dass man jetzt unbedingt die Beamten aufs Korn nimmt, sondern wir wollten Menschen am Arbeitsplatz zeigen. Menschen, die 40 Stunden pro Woche miteinander auskommen müssen, weil das eben so ist, aber sie können sich trotzdem nicht leiden. Und dann haben wir gesagt, machen wir das gleich mit zwei Beamten. Weil es musste eine Bürotätigkeit sein, also zwei Tischler, das wäre nicht gegangen. Wir haben Menschen in einer sitzenden Tätigkeit gebraucht, die viel Zeit während der Arbeit haben, um über andere Sachen zu diskutieren.

Monica Weinzettl: Dazu gibt natürlich diesen Wiedererkennungseffekt, dass wir oft hören: ”Also in Wirklichkeit ist das ja noch viel ärger.” 

Harald Sicheritz: In Österreich ist man entweder selbst Beamter oder man hat sehr häufig mit Beamten zu tun. Insofern ist die Betroffenheitsskala ziemlich hoch in diesem Land. Wenn man das historisch betrachtet, kann man leicht zur Behauptung kommen, dass das einzige, was vom alten Österreich noch übriggeblieben ist, diese Tintenburg mit ein bisschen Alpenvorbau ist. Also, ich bin überhaupt nicht verwundert, dass die Menschen darauf so reagiert haben, weil es eben in irgendeiner Art und Weise alle betrifft.

Welche Auswirkungen hatte der Erfolg von MA 2412 auf eure eigenen Beamtenwege?

Roland Düringer: Bei mir haben sich die Beamtenwege in den letzten Jahren sehr reduziert, weil man seine Autos mittlerweile auch über die Versicherung anmelden kann.

Monica Weinzettl: Ich kann mich an einen Vorfall erinnern, wo ich einen Termin hatte und eineinhalb Stunden vor einer verschlossenen Tür gewartet habe, hinter der sich offensichtlich nichts getan hat, zumindest nichts Hörbares. Irgendwann hat mich dann doch wer reingebeten, sein Gabelfrühstück weggeräumt und gesagt: ”Frau Weinzettl, no, wos brauch ma? Also der hat sicher eineinhalb Stunden nichts getan und mich da draußen einfach sitzen lassen. Ganz sicher.”

Gibt es Situationen, wo die Realität die Satire noch übertrifft?

Harald Sicheritz: Im Umgang mit Beamten stolpert jeder ständig über Dinge, die kein Satiriker jemals erdenken könnte.

Monica Weinzettl: Ich sollte für den Roland einmal ein Funkmikro anmelden, am Hauptpostamt. Das war unglaublich. Das hat mich einen halben Tag gekostet. Da wird man quer durchs Haus geschickt und zum Schluß steht man genau vor dem Zimmer, wo man von Anfang an hinwollte, und dann heißt es: ”Wie heißt der Herr? Düringer. Mit D oder mit T?”
”Mit D!”
”Uii, das ist blöd, weil der Herr, der für die Buchstaben von A bis K zuständig ist, der ist leider auf Urlaub.”
Ich habe das gehört und gedacht, das ist Originaltext aus MA 2412. Das gibt es normal nicht, glaubt man. Aber das gibt es alles.

Wo setzt man sich dann die Grenze, dass es noch glaubhaft ist?

Harald Sicheritz: Grundsätzlich orientieren wir uns schon an der Beobachtung der Realität.

Roland Düringer: Das passiert ja nicht aus dem Intellekt, sondern aus dem Gefühl heraus, dass man sagt: ”So, das ist es jetzt. Ist es eh schon arg genug.”

Nehmen wir an, der Film wird ein Erfolg. Was kommt dann? MA 2412 - Das Musical? Das Brettspiel?

Alfred Dorfer: Das hat wirklich keiner von uns vor, dass man jetzt auch noch eine Zeichentrickserie oder so was macht. Oder vielleicht gibt es das dann auch noch als Lutschzuckerl. Also nein, wirklich nicht.

Roland Düringer: Sicher nicht. Genau diese Sachen wollten wir vermeiden. Es wird kein großes Mer­chan­dising geben, das würde der Sache eher schaden. Wir haben 1992 begonnen an MA 2412 zu arbeiten, damals noch als Theaterstück. Dann kam das Fernsehen, dann gab es die sehr populären Videos, und jetzt gibt es als krönenden Abschluss, sozusagen als Sahnehäubchen, den Kinofilm.


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