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"HURENSOHN" INTERVIEW
mit Michael Sturminger, Chulpan Khamatova, Miki Manojlovic

 

”Im Wesentlichen geht es um eine unmögliche Liebesgeschichte”

Peter Krobath: Sie haben Gabriel Loidolts Roman ”Hurensohn” zufällig gelesen und wussten sofort, das ist ein Filmstoff ...

Michael Sturminger: Ich halte ”Hurensohn” für einen ganz wundervollen Stoff, weil dieser Roman eine völlig unsentimentale, sehr kunstvolle Sprache hat und ganz aus der Sicht einer Person agiert, aber gleichzeitig eine Menge Figuren zeichnet, die alle ihr Eigenleben und ihre Würde haben.

Die Arbeit an diesem Drehbuch war, wie wenn ein Komponist ein Libretto vertont. Du musst den Kern finden, die Substanz der Geschichte erfassen, und dann versuchen, in einem ganz anderen Medium eine völlig neue Sprache zu entwickeln.

Wo liegt der Kern, was ist die Substanz dieser Geschichte?

Michael Sturminger: Im Wesentlichen geht es um eine unmögliche Liebesgeschichte, und zwar um eine Liebesgeschichte zwischen einem Sohn und seiner Mutter. Das ist aber keine erotische Liebesgeschichte, also es geht nicht um Inzest oder um sonstige Dinge, sondern nur um die Unmöglichkeit einer Beziehung. Es gibt mehrere Protagonisten in diesem Film, die alle ihrer Lebensklugheit gemäß agieren, rund um ein Kind, das versuchen muss, diese verschiedensten Eindrücke und Einflüsse zu einem funktionierendem Weltbild zusammenzusetzen.

Interessant ist, dass ”Hurensohn” im Rotlicht-Milieu spielt, ohne per se ein Milieu-Film zu sein ...

Michael Sturminger: Er spielt irgendwie am Rande, schleicht sich sozusagen von hinten an das Rotlicht-Milieu heran. Das Bordell sieht man zum Beispiel immer nur dann, wenn es geputzt wird, aber nie, wenn es in Betrieb ist. Man sieht, wie sich die Mutter für den Job herrichtet, vor allem am Anfang, wo sie noch unter schlechten Bedingungen arbeitet, wie sie sich auf den Weg macht und wie sie wieder nach Hause kommt, aber nicht die Prostitution ist das Thema, sondern immer nur das Leben mit der Prostitution.

Muss ”Hurensohn” in Österreich spielen, oder könnte diese Geschichte überall stattfinden?

Michael Sturminger: Österreich ist nur wichtig, weil das für die Protagonisten eine fremde Heimat ist. Aber im Prinzip könnte diese Geschichte auch unter Portugiesen in Belgien oder unter Puertoricanern in New York spielen. Es geht darum, dass das Leute sind, die von einer wirtschaftlich schlechteren Region in eine bessere kommen und sich da eben auf verschiedene Arten durchschlagen müssen.

”Ich spiele ein Problem”

Peter Krobath: Was ist diese ist Silvija für eine Frau?

Chulpan Khamatova: Sie ist eine ganz normale Frau.

Ist sie eine gute Mutter?

Chulpan Khamatova: Sie versucht, eine gute Mutter zu sein. Das ist ihr größter Wunsch.

Was will sie vom Leben?

Chulpan Khamatova: Sie will eine ganz normale Familie haben. Sie wünscht sich eine perfekte kleine Welt mit ihrem Sohn. Sie ist eine Hure und für sie funktioniert das wie alles andere im Kapitalismus auch: Jemand verkauft, jemand kauft. Aber die Gesellschaft kann ihren Beruf eben nicht als ganz normal empfinden. Alle sagen ihrem Sohn, dass sie eine schlechte Mutter sein muss, weil sie eine Hure ist. Das ist das ganze Problem - und dieses Problem spiele ich.


”Wir alle sind mehr oder weniger allein auf dieser Welt”

Peter Krobath: Welcher Mensch ist Onkel Ante? Können Sie mir diese Figur beschreiben?

Miki Manojlovic: Er kommt aus dem Geist der sechziger Jahre. Er kann auf eine profunde Allgemeinbildung verweisen, denn damals hatten wir ausgezeichnete Schulen im wilden, wilden Osten. Onkel Ante ist in seinem Leben sehr viel herumgekommen, er war ein Globetrotter, er hat die Welt gesehen. Jetzt arbeitet er in Wien bei der Müllabfuhr, in seinen Augen ist das ein ganz normaler Job. Für mich ist Onkel Ante ein Mensch, der fast schon zu gut für diese Welt ist.

Finden Sie, dass diese Figur eine bestimmte Generation von Ex-Jugoslawen verkörpert, die ihre Heimat verlassen mussten, um im Ausland Arbeit zu finden?

Miki Manojlovic: Es gibt eine Unmenge von Menschen, Millionen, die diesen Teil des Balkans seit Ende des Zweiten Weltkriegs verlassen haben. Und Onkel Ante ist einer von ihnen. Das ist wohl der Preis, den wir für unsere Geschichte bezahlen müssen. Vielleicht wollten wir uns nach vielen Jahren der Dunkelheit zu schnell in eine moderne Gesellschaft verwandeln, womöglich ist das der Grund, warum so viele Menschen gegangen sind.

Wie lautet die Botschaft von HURENSOHN, was will uns dieser Film erzählen?

Miki Manojlovic: Schwierige Frage. Eine mögliche Botschaft könnte sein: Wir alle sind mehr oder weniger allein auf dieser Welt. Und jeder hat nur ein Leben, auf dessen Erfahrungen er zurückgreifen kann. 

Das Interview führte Peter Krobath

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